»Berühmte letzte Worte« oder ein Dankeschön von Herzen

Beinahe sechs Jahre, Hunderte von Texten und zwei Bücher nachdem ich mit zugekniffenen Augen und bis zum Hals klopfendem Herzen auf Facebook den »Seite erstellen«- Button angeklickt habe, findet mein persönlicher Wort-Weg auf Social Media anfangs August 2019 ein Ende.

Ich habe während dieser Zeit mein Studium beendet, persönliche Meilensteine erlebt und manches losgelassen, was mir viel bedeutete. Menschen haben mein Leben verlassen und sind neu dazugekommen. Ich habe in den vergangenen Jahren einen Grossteil meiner Freizeit in das Herzensprojekt »Emma denkt.« investiert. Das Schreiben neben Arbeit und Studium, das Betreuen zweier Social Media-Profile, zwei Buchveröffentlichungen in Eigenregie und drei organisatorisch ungemein aufwändige Buchverkäufe brachten mich an meine Grenzen – und darüber hinaus. Es waren intensive, bedeutsame und anstrengende Jahre, so manches ist dabei auf der Strecke geblieben. Ich hätte es mir in keinem Moment anders gewünscht.

Wie manche von euch wissen, da ich es immer wieder offen thematisiert habe, lebe ich seit meiner frühen Jugend mit chronischen psychischen und körperlichen Erkrankungen. Da sind sehr eng gesteckte Grenzen, die ich Tag für Tag erlebe und über die ich für gewöhnlich mit ebenso trotzigen wie hoffnungsvollen Schritten hinwegzugehen versuche. Das tut mir nicht immer gut, aber mich nicht gut zu fühlen bin ich gewohnt. Gleichwohl merke ich, wie sehr mich das tägliche Schreiben morgens auf dem Weg zur Arbeit und abends zu Hause, die Buchprojekte sowie die dauerhafte Online-Präsenz der vergangenen Jahr erschöpft haben.

Emma denkt. Illustration

Illustration: Sarah Hügin

Ich habe in den letzten Wochen und Monaten an einer neuen Website gebastelt. Hier findet ihr eine Auswahl an über dreihundert meiner online geteilten Texte sowie einige persönliche Informationen über mich und das Projekt »Emma denkt.« Auch neue Texte werde ich in Zukunft hier veröffentlichen (siehe Texte). Ich hadere seit über einem Jahr mit dieser Entscheidung und ich wollte mir Zeit lassen, um wirklich sicher zu sein. Hier und heute bin ich es. Ich habe mich dazu entschieden, mich von Social Media zurückzuziehen und diese neue Website mein zukünftiges alleiniges »Schreib-Zuhause« werden zu lassen.

Wer möchte, kann weiter unten auf dieser Seite die eigene E-Mail-Adresse eintragen und wird daraufhin in Form eines Newsletters per E-Mail informiert, sobald ich einen neuen Text oder andere Neuigkeiten teile.

Mir ist bewusst, dass es für die meisten der über hunderttausend Menschen, die dem Schreibprojekt »Emma denkt.« auf Facebook und Instagram folgen, uninteressant ist, Texte auf einer separaten Website zu lesen. Alles an einem Ort und in einem Feed vorüberziehen zu sehen, ist um einiges bequemer und spart Zeit. Das verstehe ich gut, bin jedoch der Ansicht, dass wir eh schon zu vieles unbedacht weg- und weitersrcollen. Wie oft habe ich mich in der Vergangenheit minutenlang durch meinen Feed, Bild um Bild um Text um Inhalt gescrollt, dabei so viel betrachtet und so wenig tatsächlich gesehen.

Ich finde es schön und immer wieder aufs Neue eindrücklich mitzuerleben, wie es mithilfe von Social Media möglich geworden ist, sich mit Menschen auf der ganzen Welt zu vernetzen, auszutauschen und immer wieder gemeinsam Kleines wie Grosses zu erreichen. Gleichwohl merke ich seit Längerem, dass diese mir persönlich viel zu schnelle, bunte und oftmals oberflächliche Welt nicht zu dem passt, worum es mir beim Schreibprojekt »Emma denkt.« geht.

Ich hadere zunehmend mit dem »Vibe«, den ich aus den Plattformen herauspüre, auf denen ich mich tagtäglich aufhalte. Algorithmen bestimmen, was wir sehen und was nicht. Ich erreiche auf Facebook nur noch einen kleinen Teil jener, die meiner Seite folgen, da ich nicht bereit bin, meine geteilten Beiträge kostenpflichtig zu bewerben und deren Sichtbarkeit entsprechend eingeschränkt wird. Es scheint vielerorts mehr und mehr um Werbung zu gehen, wofür Scheinwelten konstruiert werden, die mich langweilen. Viel mehr belastet es mich jedoch, wann immer ich sehe und erlebe, mit wie wenig Empathie und Respekt teilweise miteinander umgegangen wird. Wenn anderen bei jeder Gelegenheit mitgeteilt wird, was sie (aus eigener Sicht) falsch machen, wenn zurechtgewiesen, bevormundet, beleidigt und bewusst verletzt wird.

Mir war es von Anfang an ein Anliegen, mit dem Schreibprojekt »Emma denkt.« einen Gegenpol dazu bilden. Einen virtuellen Ort zu schaffen, an dem auch weniger Helles und Leichtes seinen Platz findet, an dem so manches offen und in möglichst »geschütztem« Rahmen ausgesprochen werden darf, was man dem schönen Schein zuliebe vielleicht lieber für sich behalten würde. Es war und ist mir wichtig, in meinen Texten alle möglichen Facetten von Leben, Erleben, Fühlen und Denken an- und auszusprechen. Und es ist mir ein ehrliches Anliegen, immer wieder aufs Neue zu versuchen, mich in die unterschiedlichsten Situationen, Gedanken und Emotionen einzufühlen – mit Neugier, Empathie und Respekt den Empfindungswelten anderer gegenüber.

Was ich betonen möchte: Ich finde bei Weitem nicht alles schlecht an Facebook und Co. Ich habe online wundervolle Menschen kennengelernt und bin tief beeindruckt von der Tatsache, dass in den Kommentarspalten unter meinen Texten während all der Jahre mit wenigen Ausnahmen stets mit Respekt und Wertschätzung miteinander umgegangen wurde. Auch dafür ein Dankeschön an euch.

Ich habe euch allen fünfeinhalb wundervolle Jahre zu verdanken, in denen ich das tat, was ich am meisten liebe – Schreiben – und erfahren durfte, was Worte auslösen können. Manchmal bilden sie tatsächlich Brücken und lassen einen sich ein Stück weit verstanden und weniger alleine fühlen. Alleine das ist mit etwas vom Grossartigsten, was ich bis anhin erleben durfte. Den Mut, den ich immer wieder aufbringen musste, um eigene Texte, Emotionen und Gedanken mit einer über die Jahre immer grösser gewordenen Gruppe von Menschen zu teilen, der Kontakt mit euch in öffentlichen Kommentaren, via persönliche Nachrichten, E-Mails, Briefpost und hie und da sogar von Angesicht zu Angesicht, die private Veröffentlichung und der Vertrieb zweier Bücher…

…all das hat mich – eine Person, die seit jeher so introvertiert und unsicher ist, randvoll mit Ängsten und Zweifeln – wachsen und mich immer wieder Glück und Mitgefühl, Freude und unglaubliche Dankbarkeit empfinden lassen. All das habt ihr mir geschenkt. ich hoffe sehr, dass ihr das spürt. Es gibt für mich zurzeit keine Worte, die besser beschreiben könnten, was mir das bedeutet. Daher begnüge ich mich mit einem Dankeschön von Herzen.

Ich möchte mich an dieser Stelle auch für alle Anfragen für Lesungen, weitere Buchprojekte und anderweitige Kollaborationen der vergangenen Jahre bedanken. Bühnen und »Rampenlicht« waren nie meins und werden es wohl auch nie werden… dennoch war mir jede einzelne dieser Nachrichten und Anfragen eine ganz grosse Freude und Ehre.

Auch wenn es für mich an der Zeit und nötig ist, mich der immensen Rastlosigkeit und emotionalen Belastung, die Social Media für mich bedeutet, zu entziehen, werde ich weiterhin schreiben, wann immer ich die Zeit finde und die Worte mich. Erfahrungsgemäss wird das mal mehr und mal weniger häufig der Fall sein. Alle, die möchten, werde ich hier auf meiner neuen Website daran teilhaben lassen.

Vor einigen Jahren beschrieb ich die Frage danach, weshalb ich schreibe, mit folgenden Worten, die noch immer wahr sind:

»Mir liegt seit ich denken kann ziemlich viel daran, mit Worten einen Zugang zur unfassbaren Vielfalt an Gedanken und Gefühlen zu finden, die in so manchen unserer Köpfe und Herzen weilt. Und ich glaube fest daran, dass der Versuch, sich in andere (Er)lebens- und Sichtweisen hineinzuversetzen, bewusst mit- und nachzufühlen uns einander tatsächlich näher bringen kann. Einander und damit immer wieder auch uns selbst. Nicht umsonst sind Emotionen Herdentiere.«

Danke für alles

Michèle

 

Update, 20. September 2020: Seit heute ist das Projekt »Emma denkt.« wieder auf Instagram zu finden. Wieso und weshalb? Hier findet ihr den entsprechenden Beitrag dazu.

Kommentare

  • Sari

    August 1, 2019 at 14:49
    Reply

    Danke für die tollen Jahre, die tollen Bücher- die schönen Texte. Ich freue mich auf das was kommt hier auf dieser Seite und wünsche dir alles Glück der Welt für dich und deine Entscheidung. Liebste Grüße Sarah

    • Emma denkt.
      to Sari

      August 2, 2019 at 6:22
      Reply

      Oh, wie schön! Danke, liebe Sarah und herzliche Grüsse zurück an dich.

  • Karin

    August 1, 2019 at 14:49
    Reply

    Ich kann es sehr gut verstehen, daß Du Dich von fb zurückziehen möchtest. Ich habe Deine Beiträge gerne gelesen und mir Deine 2 Bücher gekauft, an denen ich viel Freude habe. Deine Texte sind einfach wunderschön und berühren mich sehr. Ich […] WeiterlesenIch kann es sehr gut verstehen, daß Du Dich von fb zurückziehen möchtest. Ich habe Deine Beiträge gerne gelesen und mir Deine 2 Bücher gekauft, an denen ich viel Freude habe. Deine Texte sind einfach wunderschön und berühren mich sehr. Ich wünsche Dir, daß all Deine Wünsche für Deine Zukunft in Erfüllung gehen. Mit den herzlichsten Grüßen Karin Read Less

    • Emma denkt.
      to Karin

      August 2, 2019 at 6:19
      Reply

      Ich danke dir von Herzen für deine lieben Zeilen und Wünsche, wie schön das lesen zu dürfen. Alles Liebe.

  • Nala

    August 1, 2019 at 14:48
    Reply

    Danke dir für alles !

    • Emma denkt.
      to Nala

      August 2, 2019 at 6:15
      Reply

      Danke fürs Hiersein, liebe Nala.

  • Dani

    August 1, 2019 at 14:07
    Reply

    „Es gab keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten, einerlei wohin er führte.“ (Hermann Hesse, Demian) Liebe Michèle, Ein wichtiger und so richtiger Schritt […] Weiterlesen„Es gab keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten, einerlei wohin er führte.“ (Hermann Hesse, Demian) Liebe Michèle, Ein wichtiger und so richtiger Schritt für dich selbst! Ich danke dir für den Mut, dich damals bei Facebook mit deinen Texten an die Öffentlichkeit gewagt zu haben. Ohne Facebook hätten wir uns niemals kennengelernt und was würde mir nun fehlen ❤️ Deine Texte haben hier auf deiner Homepage ein sehr schönes neues Zuhause gefunden. Das werden auch deine übrigen Leser so empfinden, da bin ich mir sicher. Sei stolz auf dich, dass du den Weg gehst, der dir gut tut. Ich bin es auf jeden Fall ❤️ Fühl dich umarmt! Dani Read Less

    • Emma denkt.
      to Dani

      August 2, 2019 at 6:14
      Reply

      Vielen lieben Dank für diese Zeilen, Dani. Ich bin froh und dankbar darüber, dass »Emma denkt.« mir unter anderem dich geschenkt hat.

  • Andreas

    August 1, 2019 at 13:54
    Reply

    Dank Dani's Hinweiß bei Insta bin ich hierauf aufmerksam geworden. Ich kann alles Nachvollziehen was du da schriebst, wie du ja weißt, wenn du dich erinnerst. Ich klebe mich mal hier dran, um ja nichts zu verpassen, und sei es […] WeiterlesenDank Dani's Hinweiß bei Insta bin ich hierauf aufmerksam geworden. Ich kann alles Nachvollziehen was du da schriebst, wie du ja weißt, wenn du dich erinnerst. Ich klebe mich mal hier dran, um ja nichts zu verpassen, und sei es nur eine reife Tomate auf deiner Fensterbank. Fühl dich innigst geherzt! Read Less

    • Emma denkt.
      to Andreas

      August 2, 2019 at 6:07
      Reply

      Ich erinnere mich gut und freue mich, dass du hier bist! (P.S. die Tomaten auf meiner Fensterbank sind noch komplett grün, aber ich übe mich in Geduld)

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