Hier oder anderswo

Ich sitze in einem jener Metallstühle, die unbequem sind, was man ihnen nur deshalb verzeiht, weil ihr Anblick einen unweigerlich an Sommersonne und Eiscrème erinnert. Mein Blick fährt meinem Schatten entlang, der sich auf den Steinfliesen ausstreckt und ebenso wenig mit mir zu tun haben scheint wie die Frage danach, wo ich denn mal wieder mit meinen Gedanken bin.

Ich bin nicht irgendwo mit meinen Gedanken – so als wären wir Freunde, Partner, Weggefährten. Ich fühle mich als wäre ich in ihnen verloren gegangen, unsicht- und greifbar für mich und andere. Hin und wieder glaube ich, meine Welt existiert bloss aus jenem, was mir durch den Kopf schwirrt und mir selbst, die alledem zuhört.

»An manchen Tagen fühlt es sich an, als wäre alles in mir seltsam uneben, um Millimeter verschoben.« Mit Worten wie diesen versuche ich mich dir zu erklären. Ich spanne mich auf in meinen Versuchen, anzuknüpfen an die Erlebenswelten anderer. Ich spanne mich auf und wieder zu, wann immer ich im Umgang mit anderen das Gefühl habe, zu viel zu sein.

Jenes Gefühl habe ich oft. Stetig taumelnd zwischen der leisen Ahnung, zu wenig oder zu viel zu sein. Zu laut oder leise. Zu impulsiv oder reserviert. Zu präsent oder kaum da. Es kostet Kraft, sich nicht zu verbiegen – oder immerhin nur soweit, dass man sich selbst noch geradeso im Spiegel erkennt.

Ich hebe den Arm. Das Bild vor mir auf dem Boden wirkt seltsam verzerrt. Der eigene Schatten gleicht einem manchmal so wenig, dass man sich fragen muss, ob er tatsächlich zu einem gehört – oder man zu ihm – oder ob das alles nur Einbildung ist. Was gehört zu mir, das über die Grenzen meiner Körperlichkeit hinausreicht?

Mit einem Mal stehst du vor mir. Jegliche Schatten verschwinden hinter deinem Lächeln und der unausgesprochenen Frage, ob ich jetzt gerade hier bin oder anderswo. Ich strecke meine Hände nach deinen aus und für einen Moment ist da weder zu viel noch zu wenig. Während mein Blick die Worte »be here now« auf meinem Unterarm streift, fühle ich irgendetwas in mir kaum hörbar einrasten. Ich lächle wortlos zurück.

12 Kommentare
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Kommentare

  • Margot Neunhäuserer

    Oktober 7, 2021 at 6:10
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    Beim Lesen dieser wunderbaren Zeilen am Morgen durchfließt mich ein bekanntes Gefühl und mündet in einen schönen Tag …danke von Herzen!

  • Liebella

    Oktober 6, 2021 at 16:53
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    Feels so familiar 💜 Dankeschön für diese Worte.

  • Bärbel

    Oktober 6, 2021 at 12:51
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    Was für ein toller Text ! Vielen Dank ! Ich vermisse deine Texte im Alltag und freue mich jedes Mal , wenn eine Email kommt mit neuem Text ! 😀

    • Emma denkt.
      to Bärbel

      Oktober 6, 2021 at 16:57
      Reply

      Es freut und berührt mich sehr, das zu lesen, Bärbel. Danke von Herzen fürs Hiersein.

  • Stefan+Geiger

    Oktober 6, 2021 at 12:29
    Reply

    Wunderbar, einfach wunderschön! Herzlich herbstlich warme Grüße aus dem heute sonnigen Berlin, liebe Michele! 🙏❤👋

  • Christiane

    Oktober 6, 2021 at 12:26
    Reply

    Großartig!!Wunderschön!!Anrührend und vertraut! Danke ❤️

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