Wir sind nicht | Emma denkt.
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Wir sind nicht

»Wir sind schliesslich nicht auf einem Schiff«, meinte sie mit ernstem Blick und er nickte. Nein, auf einem Schiff waren sie nicht. Ein Blick zur Seite und aus dem Fenster liess keine Zweifel offen.

Die umstehenden Bäume streckten ihnen ihre mit den letzten blassgelben Blättern bestückten Äste entgegen, es wirkte beinahe flehend. Nein, als Passagier auf einem Schiff sah man keine Bäume.

Und dennoch, sie sah die hübsch gedeckten Tische im novembertaghellen Café mit den grosszügigen Fensterfronten, in dem sie sassen, sanft hin und herwiegen. Als sie sich zurück in seine Richtung wandte, fing sie seinen Blick auf – er sah es auch.

Sie bestellten Kaffee und Kuchen, sprachen über dies, schwiegen über das. Wären sie auf einem Schiff gewesen, wären sie vermutlich irgendwann aufgestanden und hinaus auf Deck gegangen, um sich an die Reeling zu lehnen und wortlos ins Wasser hinauszublicken.

Nein, auf einem Schiff waren sie nicht. Wie um sich zu vergewissern, dass das stimmte, stand er urplötzlich auf, spähte aus dem Fenster zu seiner Rechten hinunter auf die Strasse. Sie las Enttäuschung in seinem Blick, vielleicht war es aber auch bloss Müdigkeit, in die sich zögerlich ein klein wenig Langeweile traute.

Er setzte sich wieder, fing ihren Blick auf. In Gedanken sah sie sich eben noch die Tür ihrer Kajüte schliessen und einen ebenso langen wie schmalen Korridor entlang gehen. Dabei versuchte sie, stets nur dort auf dem weichen Teppich aufzutreten, wo dessen Muster es ihrer Ansicht nach erlaubte.

»Woran denkst du und weshalb eigentlich nicht?«

Sie hörte etwas in ihrem Hinterkopf einrasten wie ein zuschnappendes Fahrradschloss, hob den Blick und stimmte unweigerlich in sein Lächeln ein. Was nicht alles ansteckend ist in diesem Leben.

»Worauf würdest du lieber treten – Romben oder Ovale?«

»Dazwischen.«

Auf einem Schiff waren sie sicher nicht. Nicht wahr? Gleichwohl glaubte sie irgendwo hinter den Kulissen ihres Verstandes ein leises Rauschen, ein viel mehr gefühltes, denn tatsächlich wahrnehmbares Brechen von Wellen zu vernehmen.

Nein, es konnte im Grunde wirklich nicht sein – aber es kam ihr noch immer vor, als wiege sie auf ihrem Stuhl, sein Lächeln auf der anderen Seite des Tisches, das gesamte Café, blassgelb halbbekleidete Äste ausserhalb der grosszügigen Fensterfronten und die Welt jenseits ihrer Wahrnehmung im Takt ihres eigenen Herzschlags sanft hin und her.

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Kommentare

  • einfach_nur_ada

    …wunderschöne Zeilen ♥️
    Einmal mehr zur richtigen Zeit, liebe Michèle.
    Von Herzen Danke dafür!

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  • Margot Neunhäuserer

    Wie schön, beruhigend, lichtblickend … danke von Herzen💖

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  • Kathrin

    Wunderschöner Text mit einer wunderschönen Begegnung, vielen Dank! 🖤

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  • Stattstadtmädchen

    Ganz bei dir.
    Sehr dankbar.

    Ich sende Liebe über die Grenzen zu dir.

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  • Bärbel

    Ich hab mich sehr gefreut , wieder was von dir zu lesen ! Danke !!!

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  • Renate Hackl

    So gefühlvoll. Ich tauchte ein in deine Zeilen. Danke von Herzen und alles Liebe ::).

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  • Stefan Geiger

    Liebe Michele, es ist soo schön, in dieser Zeit (befinde mich in häuslicher Quarantäne aufgrund Risikoangehöriger) in Deine Gedankenwelt einzutauchen. Für eine gewisse Zeit bin ich dadurch fernab aller der Situation geschuldeter Sorgen und Missgefühle. Und dafür danke ich Dir sehr. Liebe Grüße aus Berlin dein Stefan

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  • LX

    eine Wohltat für den Kopf in dieser surrealen Zeit. Lieben Dank für diese Auszeit vom Alltag!!!!

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  • Niels-J. Günther

    eine sehr schöne Kurzgeschichte zum Träumen…

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